Auf der Suche nach dem Pflanzengift – Der Kreis Kleve gibt sich ahnungslos

Die Umweltbelastung der Gewässer ist nach den Daten des Landes besorgniserregend. Der Kreis gibt sich ahnungslos. Angeblich weiß er von nichts… Die Grünen fragen nach.

Foto und Grafik: NRZ vom 15.02.2013

Die Behörden sind ratlos: Wie kommt das Gift Linuron in die Gewässer der Düffel? Kreis und Land streiten.

Auf der Suche nach dem Pflanzengift

In Kranenburg stellte das Landesumweltamt über Jahre hinweg erhöhte Werte des Unkrautvernichtungsmittels Linuron im Wasser fest.

Hat der Kreis Kleve wirklich nichts gewusst von der hohen Gewässerbelastung mit giftigen Pflanzenschutzmitteln in Kranenburg? Das Landesumweltministerium hat da seine Zweifel. Die NRZ berichtete am Samstag exklusiv, dass seit 1998 im Wylermeer zehnmal erhöhte Werte des giftigen Unkrautvernichtungsmittels Linuron gemessen wurden – zuletzt im Mai 2010. Damals lag die Giftmenge siebenmal über der anvisierten Qualitätsnorm. Auch die Gewässer Groesbeeker Bach (5 mal), Kranenburger Bach (3 mal) und Große Wässerung (3 mal) wiesen erhöhte Linuronwerte auf. Die maximale Belastung wurde 2003 im Groesbeeker Bach ermittelt. Sie lag um das 13-fache über der Norm.
Das Herbizid Linuron ist stark wassergefährdend und greift in den Hormonhaushalt von Mensch und Tier ein. Das Mittel ist im Wasser quasi unlöslich. Zur Gefahrstoffkennzeichnung wird der „Totenkopf“ benutzt.

Kreis: „Linuron war nie ein Thema“

Der Kreis Kleve antwortete der NRZ schriftlich, dass man keine Kenntnis von den jahrelangen hohen Linuron-Belastungen gehabt habe. Dem Kreis hätten keine Einzelstoffangaben vorlegen, sondern nur allgemeine „Parametergruppen“ (zum Beispiel „Pflanzenbehandlungsmittel“). Eine Aufforderung zum Handlungsbedarf für den Einzelstoff Linuron sei nicht an den Kreis Kleve herangetragen worden, heißt es in der Stellungnahme. Und: „Ein konkreter Verdacht lag jedoch bisher zu keinem Zeitpunkt vor.“ Sprecher Eduard Großkämper: „Wenn der gemessene Wert gefährdend ist, dann wäre es höchste Zeit, dass wir darüber informiert werden.“ Er betont: „Linuron ist nie ein Thema gewesen. Wir haben nur grundsätzliche Informationen über allgemeine Gewässereinstufungen.“ Der Kreis hat inzwischen das Landesumweltamt (Lanuv) um eine Stellungnahme und Bewertung der vorliegenden Messergebnisse gebeten. „Ob sich hieraus fachliche Empfehlungen zum weiteren Vorgehen ergeben, bleibt abzuwarten.“

Die Daten seien vom Landesumweltamt ermittelt worden. Der Kreis sei nicht beteiligt gewesen. Großkämper wundert sich, warum in der Presse überhaupt auf den Stoff Linuron abgezielt werde. Die Werte anderer Pflanzenschutzmittel seien um das 80-fache erhöht gewesen. Davon spreche niemand.

Grafik: NRZ vom 15.02.2013

Das Landesumweltministerium ist über die veröffentlichte Stellungnahme des Kreises sehr verwundert. Sprecher Frank Seidlitz schreibt der NRZ: „Der Kreis Kleve ist durch die Bezirksregierung ausführlich über das Thema informiert worden. Die Aussage des Kreises Kleve in der NRZ vom Samstag, über die Belastung nichts zu wissen, ist uns daher unerklärlich.“ Seit Jahren diskutiere man mit dem Kreis im Rahmen von „Runden Tischen“ über die Ergebnisse der Wasseruntersuchungen. Aufgrund der festgestellten Überschreitungen seien bei den Pflanzenschutzmitteln „konzeptionelle Maßnahmen zur Ursachenermittlung für alle in Frage kommenden Quellen aufgenommen“ worden, so der Sprecher des Landes.
Im Gespräch mit der NRZ sagt er: „Der Kreis weiß genau, was er machen muss. Über die Aussagen sind wir hier sehr erstaunt.“ Natürlich werde nicht immer über jeden einzelnen Stoff geredet, es gebe zahlreiche davon. „Man redet immer über produktspezifische Wirkstoffe“, so Seidlitz. Und über diese habe man auch geredet.

Das Landesumweltamt berichtet, dass Linuron zwar von der EU zugelassen ist, aber in Deutschland nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Landwirtschaftskammer angewendet werden darf. Die Landwirtschaftskammer ist in erster Linie für die Kontrolle des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln zuständig.

Keine Nachweise im Grundwasser

Prof. Dr. Bernd Böhmer ist bei der Landwirtschaftskammer in Bonn der Fachmann bei Fragen von Pflanzenschutzmitteln. Auch er hörte von den Linuron-Einträgen erst aus der Zeitung. Er sagt, dass Linuron in den Niederlanden eingesetzt wird – vor allem im Gemüseanbau, u.a. für Feldsalat und Sellerie. „Eine bewusste Überdosierung halte ich aber für ausgeschlossen, weil es sonst Schwierigkeiten mit den Anbaukulturen gibt“, so Böhmer. Seine Kammer recherchiert jetzt, wo das Mittel denn herkommt. Es könne sogar sein, dass die Einträge schon zehn bis 15 Jahre zurück liegen. „In Deutschland ist der Stoff schon seit zehn Jahren nicht mehr zugelassen.“
Das Unkrautvernichtungsmittel belaste vor allem das Grundwasser, so Böhmer. Allerdings bedeute eine Norm-Überschreitung noch nicht, dass man einen toxischen Bereich erreicht habe. Dem Landesumweltministerium liegen auch keine Hinweise vor, dass das Grundwasser in der Düffel beeinträchtigt ist. Die Ortschaften Niel und Zyfflich werden von den Klever Stadtwerken mit Trinkwasser versorgt – das aus dem Reichswald stammt. Explizit auf Pflanzenschutzmittel geprüft werden häusliche Brunnen allerdings nicht, so der Kreis Kleve.

Andreas Gebbink, NRZ online 15.02.2013, Printausgabe 16.02.2013

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Anfrage der grünen Kreistagsfraktion zum Thema

Bündnis 90/Die Grünen im Kreistag Kleve

An den
Landrat des Kreises Kleve
Nassauer Alleee
kreishaus

47533 Kleve

Kleve, den 19. Februar 2013

Pestizid-/Biozidbelastung des Kreises Kleve


Sehr geehrter Herr Landrat,

die GRÜNE KREISTAGSFRAKTION ist aufgeschreckt und besorgt über die gemessenen Werte des Biozids Linuron im Wyler Meer.  Aus der Presse konnten wir entnehmen, dass diese Belastung seit 1998 bekannt ist. *)

Da wir nicht vermuten, dass dies ein trauriger Einzelfall ist, sondern hohe Belastungen mit Pflanzenschutzmitteln systemisch den ganzen Kreis betreffen könnten, ergeben sich hieraus folgende Fragen unserer Fraktion an die Verwaltung:

Allgemein
1)   Welche Erkenntnisse liegen der unteren Wasserbehörde, bzw. dem Gesundheitsamt des Kreises Kleve zur Pestizid-/Biozidbelastung der Gewässer vor?

2)  Seit wann liegen diese Erkenntnisse vor und welche Maßnahmen wurden zur Verringerung der Belastung und zur Ursache der Belastung eingeleitet?

3)  Sind möglicherweise nicht nur Fließgewässer, sondern auch schon das Grundwasser und das Wasser der zahlreichen stehenden Gewässer und Baggerseen von der Biozid-Belastung betroffen?

4)  Welche Erkenntnisse liegen hierzu vor bzw. sind hierzu Untersuchungen geplant?

Fragen zu Wasserwerken, Pestizide und ihre Abbauprodukten (PMS)

5)  Werden Biozide in den Klever Wasserwerken erfasst und wenn ja, wie sieht die Untersuchungsparameterliste der Wasserwerke im Kreis Kleve aus?

6)  Werden dort alle möglicherweise im Kreis Kleve verwendeten Pestizide/Biozide untersucht oder gibt es nur Summenparameter oder gar nur wenige Einzelwirkstoffe?

7)  Werden auch die Metaboliten (Abbaustoffe der Pestizide) erfasst?

8)  Wenn ja, wie hoch sind die Werte für einzelne Metaboliten?

9)  Wird die Überwachung des Trinkwasser im Kreis Kleve von den Wasserwerksbetreibern identisch gehandhabt oder ist sie dem jeweiligen Betreiber überlassen?

10) Sollten Biozide schon im Trinkwasser des Kreises Kleve durchgeschlagen sein, reichen dann die Aufbereitungsverfahren zur Eliminierung aus?

11)  Bei welchen Wasserwerken muss Wasser der oberen Stockwerke schon wegen der hohen Belastungen (Nitrat, einzelne Pestizide, PMS Metaboliten der Biozide) verschnitten werden und/oder in tiefere Grundwasserstockwerke ausgewichen werden?

12)  Sind die Gülleimporte, die auf Inhaltsstoffe nicht untersucht werden, möglicherweise ein Eintragspfad?

Fragen zu Emissionen aus der intensiven Landwirtschaft

Die Bürgerinnen und Bürger des Kreises Kleve sind in zunehmendem Maße den Emissionen der Landwirtschaft immer stärker ausgesetzt (resistente Keime, Antibiotika-Rückstände, Massentierhaltung, Spritzmittel, Gülle und damit Belastungen der Atemluft).

13) Welche Risikovermeidungsstrategien sind von Seiten des Gesundheitsamtes oder des Kreises geplant?

14) Warum wurde die Politik über die Belastung durch Pestizide in Gewässern des Kreises Kleve und im Wyler Meer nicht informiert?

Für die Beantwortung unserer Anfrage danken wir im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Ute Sickelmann                                      i.a. Norbert Panek
Fraktionsvorsitzende                                     Fraktionsgeschäftsführer

 

 

[*] „Seit 1998 hat das Paradies ein Giftproblem. Zehnmal wurde der gesetzlich festgeschriebene Grenzwert für Linuron überschritten, zuletzt im Mai 2010. Da lag die maximale Giftkonzentration siebenfach über dem gesetzlich verbindlichen Grenzwert. Vier Gewässer im Kreis Kleve seien „als schlecht bzw. als höchstens mäßig eingestuft worden“, darunter „auch das Wyler Meer“. “

Weiterführender Link – Datenquellen

Warum dem Kreis Kleve nicht über die Daten des Landesamtes für Umwelt bzw. dem Umweltministeriums bekannt ist, ist schleierhaft.
Allee Behörden haben zugriff auf die statistischen Daten. Siehe hier
http://www.elwasims.nrw.de/ims/ELWAS-IMS/start.htm

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