Bürger gegen die „Hochzeit“

Mehr als 450 Klever diskutierten in der randvollen Stadthalle auf Einladung aller Ratsfraktionen über die Bebauung des Minoritenplatzes. Investor legt neue Planung vor. Investor legt neue Planung vor. Kritik an der Größe des Baus. Grüne für Moratorium.


Gut gefüllt war die Klever Stadthalle zur Informationsveranstaltung zur Bebauung des Minoritenplatzes am Montagabend. Foto: RP, Gottfried Evers


Der Weg zur vielzitierten „Hochzeit“ zwischen der Stadt Kleve und dem möglichen Minoritenplatz-Investor Sontowski & Partner aus Erlangen wird steinig. Das ist das Fazit der historischen Informationsveranstaltung, zu der alle fünf Ratsfraktionen eingeladen hatten – etwa 450 Bürger (über)füllten die Stadthalle inklusive Empore. Die Stimmungslage war nach 135 Minuten eindeutig, wie nicht nur Moderator Ludger Kazmierczak (WDR-Studioleiter Kleve) konstatierte: Die Klever lehnen vor allem die geplante Größe des 120 Meter langen, 40 Meter tiefen und 13 Meter hohen Geschäftshauses mit 6300 Quadratmetern Verkaufsfläche ab.

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Das sagt Thomas Riek
Prokurist Thomas Riek vom möglichen Investor urteilte gestern: „Wir haben die geforderten Themen abgearbeitet, aber was mich gewundert hat, ist, dass plötzlich eine Grundsatzdebatte entstand, ob der Platz überhaupt bebaut werden soll. Wir arbeiten seit zwei Jahren daran, weil ein Ratsbeschluss vorliegt. Wir werden jetzt die Hausaufgaben abarbeiten und die Mieterliste vorlegen“.

Alte (unten) und neue (oben) Planung von Sontowski und Partner für die Unterstadt – Foto: T. Velten

Kurz und prägnant hatte der Technische Beigeordnete Jürgen Rauer ins Thema eingeführt, ehe für den Investor Prokurist Thomas Riek und Lars Klatte vom Architekturbüro RKW die neue Konzeption vorstellten. Riek sagte: „Planung ist ein Prozess, wir haben die Anregungen der Bürger, Politiker und Verwaltung mitgenommen und wollen den neuen Stand zeigen“. Dabei habe man verschiedene Themenbereiche optimiert, sagt Klatte: Verschwunden sind die vielkritisierten Gabionen, entstanden sind Gastronomie und Sommercafé, Fensteröffnungen und Pflanzenelemente, aber an der Größe des Baukörpers hat sich nichts geändert und auch eine Unterteilung in zwei Häuser sei nicht möglich, weil dann die nötigen Verkaufsflächen laut Riek fehlen. Bekanntlich hat laut Einzelhandelsgutachten die Stadt Kleve ein Defizit an Geschäften mit mehr als 500 Quadratmetern Nutzfläche. Bis zum November will Sontowski Rat und Verwaltung eine „vorläufige, breit aufgestellte Mieterliste“ vorlegen, damit der Rat bis zum Jahresende entscheiden kann.

Das Podium: die Fraktionssprecher der fünf Fraktionen im Klever Rat – Foto: T. Velten

Drei Minuten hatte jeder Fraktionsvorsitzende Zeit für ein Statement. Udo Janssen (CDU): „Die CDU hält die Pläne durchaus für gelungen, bis auf die Rückfront zur Hafenstraße. Die CDU macht eine Zustimmung abhängig von dem Besatz der Läden, der auf Kleve zugeschnitten sein muss“. Alexander Frantz (SPD): „Wir haben gespalten abgestimmt, wollten dem Investor aber die Chance geben, seine Planung fortzuschreiben. Der neuen Planung stehen wir aufgeschlossen gegenüber, zumal die Gabionen weg sind. Und: Wer hat denn einen Investor für eine kleinteilige Bebauung ?“. Siegbert Garisch betonte für die Grünen, man habe schon die „Verlobung“ im Sommer nicht mitgefeiert, weil die Konzeption zu wuchtig sei und daran habe „sich auch nichts geändert, wenngleich ich zugeben muss, dass an der Planung mächtig gearbeitet wurde“. Die Grünen melden erheblichen Beratungsbedarf an, „ohne Schnellschüsse, denn der Minoritenplatz ist eigentlich ein Sahnestück und viel zu schade für einen Parkplatz“. Beratungsbedarf hat Daniel Rütter (FDP) nicht mehr: „Wir waren schon beim Werkstattverfahren skeptisch, weil dem Bürger keine gewählte Variante garantiert werden konnte“, sah sich der Liberale im Nachhinein bestätigt. Die FDP wolle eine kleinteilige Bebauung mit mehreren Investoren, „eine Ergänzung zur Innenstadt und keine Konkurrenz“. Paul Zigan von den Offenen Klevern: „Der geplante Großkomplex schottet die Unterstadt gegenüber der Hochschule ab. Wir sind gegen den Klotz, egal, ob er geteilt wird oder nicht“.
VON JÜRGEN LOOSEN – RP Kleve 26.09.2012
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„Pläne geändert, Ausmaße nicht“

Die Diskussion mit den Bürgern wurde dominiert von den Kritikern aus Geschäftswelt und Architektur. Susanne Rexing sprach von einem „immer noch monumentalen, indiskutablen Objekt“, KCN-Chef Jörg Hopmans glaubt nicht, dass „der Klotz im Eingangsbereich die Stadt zukunftsfähiger macht“, Architekt Werner van Ackeren mahnte die Kleinteiligkeit an und gab zu bedenken, dass der 48 Meter lange Kaufhof bisher das größte Geschäftshaus sei. Kollegin Julia Blanck betonte, die Pläne seien stark geändert, aber die Ausmaße nicht. Und Kollege Friedhelm Hülsmann regte kleine Stadthäuser an und bat, „keinen Strich unter das Thema zu ziehen“. Manfred Dreis sprach sich vehement gegen die „massive Bebauung“ aus, Dipl.-Ing. Stefan Baumann kritisierte die „Darstellung mit Aquarellen“ und empfahl „eine virtuelle Kamerafahrt, um die Dimensionen zu erkennen“, unterstützt von Susanne Rexing, die ein Gerüst mit Netzen vorschlug, um die Ausmaße zu sehen. IHK-Mann Michael Rütter stieß mit seiner kritischen Anmerkung auf Unverständnis, Rauer kopfschüttelnd: „Die IHK hat uns immer unterstützt“. Als Moderator Kazmierczak abstimmen ließ, wer die Geschäfte für ausreichend halte, hoben sich ganze fünf Hände.

Das Fazit der Fraktionschefs, Janssen (CDU): „Wir warten ab, was die neuen Pläne mit dem Besatz bringen“. Frantz (SPD): „Viele Bedenken kennen wir schon, wir wollen die Verbesserungen dezidiert diskutieren“. Garisch (Grüne): „Ich habe Beiträge der Befürworter vermisst. Wir sollten das Tempo rausnehmen“. Rütter (FDP): „Eine Sache, die man 40 Jahre diskutiert, kann man noch zehn Jahre länger diskutieren“. Zigan (OK): „Der Bau würde ein Schandfleck ohne Ende“.

VON JÜRGEN LOOSEN – RP Kleve 26.09.2012

Alte (unten) und neue (oben) Planung von Sontowski und Partner für die Unterstadt – Foto: T. Velten
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Kommentar

Von den Themen hinter dem Thema

Die historische(n) Stunde(n) in der Klever Stadthalle mit allen fünf Ratsfraktionen und mindestens 450 Bürgern mündeten in eine Grundsatzdebatte: Denn es ging gar nicht mehr darum, wie der Minoritenplatz bebaut werden soll, sondern ob überhaupt. Die „lautstarken Stimmen“, von denen CDU-Chef Udo Janssen sprach, wollen ganz eindeutig kein Geschäftshaus von den genannten Ausmaßen. Ob es sich dabei wirklich um die Mehrheit der Klever handelt, sei mal dahingestellt, und spielt auch keine Rolle. Die Politik, die „baff war“ ob der Resonanz, wird bis Jahresende entscheiden müssen.

Dabei hängt die Zukunft Kleves natürlich nicht alleine von dem Filetstück Minoritenplatz ab, über das seit mittlerweile 40 Jahren diskutiert wird. Denn in der Nachbarschaft liegen mit dem Union-Gelände plus Bensdorp, dem ehemaligen National-Starch-Komplex und dem Hagebaumarkt drei Flächen, deren Besitzer nur auf die Minoritenplatz-Entscheidung warten. Was dort entstehen könnte, angefangen vom Hinterzimmer-Gerücht eines uec. (Unterstadt-Einkaufscenter) über einen gigantischen Möbelmarkt bis hin zu auch zentrumsrelevantem Sortiment, wird künftig eher nicht in Bürgerversammlungen diskutiert werden. Sondern gebaut.

Ein Thema hinter dem Thema. Und noch ein bisschen Zukunftsmusik: Bevor die Sahneschnitte Minoritenplatz wirklich in den nächsten 30 Jahren Parkplatz bleibt, könnte jemand auf die Idee kommen, das Rathaus ebendort hochzuziehen. Das mag angesichts des Werkstattverfahrens abwegig erscheinen, ist es aber nicht.

Ohne allzugroßes Mitleid für die Politiker: In der Haut eines Klever Ratsmitglieds möchten derzeit wohl nicht all zu viele stecken.

VON JÜRGEN LOOSEN – RP Kleve 26.09.2012

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Hinter dem Bauzaun soll die Volksbank gebaut werden, dahinter das geplante Geschäftshaus von Sontowski – Panoramafoto: Thomas Velten

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